Keine Frage: Adobe hat alle Weichen in Richtung Cloud gestellt. Doch nicht alle Pros sind darüber glücklich. Im ersten Teil beleuchten wir, warum Adobe die Creative Cloud in Zukunft sogar noch stärker forcieren wird, im zweiten Teil machen wir uns auf die Suche nach den Alternativen.

Vor ein paar Tagen hat Adobe das Ende der Kaufversion der vor allem bei professionellen und semi-professionellen Fotografen beliebten Bildbearbeitungs- und DAM-Software (DAM = Digital Asset Management zur Verschlagwortung und Katalogisierung großer Bildbestände) Lightroom bekanntgegeben. Der Aufschrei in der Fotografen-Community war weltweit groß und sicherlich auch für Adobe unüberhörbar. Aus Sicht von Adobe ist dieser Schritt jedoch konsequent und durchaus erfolgversprechend. Ab jetzt gilt: Cloud only!

Um zu entscheiden, ob man als Kreativer weiterhin auf Adobe und die Creative Cloud setzen oder sich langsam mal um Alternativen bemühen sollte, hilft es zu verstehen, warum Adobe diese Entscheidung gefällt hat und warum Adobe die Cloud-Lösungen sehr wahrscheinlich sogar noch forcieren wird.

Money, Money, Money…

Der erste analytische Blick fällt bei einem aktiennotierten Unternehmen natürlich in den Geldbeutel, also dorthin, wo das Herz des Corporate America letztendlich schlägt.

Seit 2012, dem Jahr der Einführung von Adobe Creative Cloud, hat sich der Umsatz von 4 Mrd. $ auf fast 6 Mrd. $ im Jahr 2016 erhöht, 2017 werden es sicher über 7 Mrd. $ und 2018 wird das Management wohl mindestens die 8 Mrd. $ anvisieren. Unter dem Strich eine Verdoppelung des Umsatzes innerhalb weniger Jahre.

Adobe Umsätze 2004 bis 2016 / Quelle: Statista

Adobe Umsätze 2004 bis 2016 / Quelle: Statista

Gleichzeitig stieg die Profitabilität des Unternehmens im Jahr 2017 voraussichtlich auf satte 1,5-2 Mrd. $ Ergebnis NACH Steuern. Das sind ca. 50% mehr im Vergleich zum Vorjahr, doch die 50% verblassen regelrecht gegen den Vergleich zum Netto-Ergebnis des Jahres 2013. Damals schloss Adobe das Jahr noch mit “mageren” 0,29 Mrd $ Ergebnis ab.

Man muss nicht höhere Mathematik studiert haben, um sich die zufriedenen Gesichter des Managements beim Anblick ihrer Bonuszahlungen vorzustellen.

Die finanziellen Reserven, andere sagen Kriegskasse dazu (um sich beispielsweise mal das eine oder andere Unternehmen einzuverleiben), sind im Vergleich zu anderen natürlich etwas mager. Mit 2 Mrd. $ Bar-Reserven auf der hohen Kante kann Adobe sich schon das eine oder andere geniale Startup ins Portfolio holen. Doch Start-Ups oder gar etablierte Unternehmen, z.B. Datenzentren, Infrastrukturanbieter, werden immer teurer, denn die Konkurrenz schläft nicht und hat auch Appetit auf den großen Kuchen. Gegen die 20 Mrd. $ von Apple ist Adobes Kriegskasse also eher spärlich ausgestattet.

Es ist also nicht unrealistisch, dass Adobe weiterhin mehr – besser noch viel mehr – Geld verdienen will. Die Frage ist, wie Adobe das anstellen könnte (bevor sie eventuell selbst geschluckt werden könnten…).

Adobe Aktienentwicklung 2013-2016 / Quelle Yahoo Finance

Adobe Aktienentwicklung 2013-2016 / Quelle Yahoo Finance

Adobe hat mehrere Hebel. Der erste ist natürlich der Preis. Anfangs war die Investition für eine Master Collection (also einmal alle Produkte) der letzten Kaufversion CS6 inklusive Updates durchaus 1:1 vergleichbar mit dem jetzigen monatlichen Preis der cloudbasierten CC-Version, pro Jahr und pro User schlagen hier immerhin 840 Euro plus MwSt. in der Team-/Business-Version zu Buche. Anfang dieses Jahres zog Adobe in ein paar Ländern den Preis jedoch an, in Großbritannien zwischen 10% bis über 60%, je nach Version. Als etwas fadenscheinigen Grund gab Adobe das Wechselkursrisiko durch den drohenden Brexit an, was englische User etwas frustriert von “Brexploitation” (Ausnutzung des Brexit) sprechen ließ.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass besonders in Europa und in den ‘Americas’, wo Adobe einen sehr starken Marktanteil hat, die Preise sukzessive anziehen wird. Lediglich in Asien – hier macht Adobe nur 14% seiner Umsätze – hat Adobe noch ziemlich Aufholbedarf und wird mit attraktiven Preisen um Kunden kämpfen.

Der nächste Hebel sind die Kosten. Im Zeitalter der Kaufversionen musste Adobe sich noch richtig Mühe geben, um spätestens alle 2 Jahre einen neuen Versionssprung auf den Markt zu bringen. Jetzt reichen ein paar Anpassungen hier und ein paar nette Neuigkeiten da, um die wartende Meute zufrieden zu stellen. Neben dem fast aggressiven Pushen in Vertrieb & Marketing ist das sicherlich einer der wesentlichen Schlüssel, warum Adobe in der Profitabilität so zugelegt hatte.

Daten – das nächste große Ding

Die beiden Hebel Preis und Kosten sind aber wahrscheinlich nur Taschengeld verglichen mit dem nächsten großen Ding, das Adobe ausschlachten will: Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts.

Logo Adobe Creative Cloud

Hier hinkt Adobe im Vergleich zu Google oder Facebook fast ein wenig hinterher. Aber nur fast. Denn sie haben durch die enge Verbindung in die Kreativbranchen (Design, Fotografie, Film) eine große Chance. Das sind die Milliarden Bilder, die jedes Jahr mit Hilfe ihrer Software-Lösungen produziert, genutzt und vermarktet werden. Das neue Lightroom CC setzt hundertprozentig auf die Cloud. Die Software funktioniert rein cloudbasiert und alle Daten liegen in der Cloud, selbstverständlich auf Servern der Firma Adobe.

Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass Adobe alleine mit all den EXIF-Daten aus den Kameras unendlich viel nutzbare Informationen über Trends, Märkte, Regionen, Menschen und vieles mehr bekommen wird – ohne auch nur einmal ein Bildrecht verletzt zu haben. Doch vielleicht kann man Adobe zukünftig auch partielle Bildnutzungsrechte (gegen preisgünstigere CC-Varianten) einräumen? Was kann man zukünftig mit in Premiere oder After Effects produzierten Bewegtbildern alles anstellen, was mit Audiodateien, welche Webanwendungen generieren Wissen und Geld? Welche Chancen eröffnen sich durch all das für die neuen Mega-Business-Tends Virtual und Mixed Reality? Welche Rolle wird Adobe in der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz einnehmen?

Alles Fragen, mit denen Adobe sich selber bereits ausführlich auseinandersetzt, das zeigen Initiativen wie Adobe Sensei oder der Adobe Think Tank, aber auch Kooperationen mit Multis wie Microsoft im Bereich Cloud Computing unter dem nicht gerade bescheidenen Titel “Redefining the future of Work”. Einen kleinen Vorgeschmack auf Adobe Sensei gab die Präsentation von David Nuescheler während der diesjährigen Adobe MAX Conference.

 

 

Von kleinen Tricks, großen Behauptungen und ungelösten Fragen

Auch wenn Adobes Produktmanager Tom Hogerty im Adobe Blog vor ein paar Tagen Stein und Bein schwur, dass es auch in Zukunft eine lokal nutzbare Lightroom-Version mit dem Namen Classic geben soll – glauben muss man ihm nicht.

Lightroom CC 2017

Adobe Lightroom CC 2017

Derselbe Tom Hogerty hat vor nicht allzu langer Zeit Stein und Bein geschworen, dass es eine Kaufversion von Lightroom “indefinitively” geben soll. Viele enttäuschte Lightroom-Nutzer sagen, er habe gelogen, die meisten Kommentare im Blog waren doch sehr eindeutig. Etwas freundlicher kann man sagen, dass er von der Realität in seiner Firma überholt worden ist und es sehr wahrscheinlich auch wieder wird.

Allein die gewählte Nomenklatur “Lightroom Classic” ist ein ziemlich starkes Indiz dafür, dass die Tage nicht-cloudbasierter Daten bei Adobe gezählt sind. Vielleicht noch nicht 2018, aber wahrscheinlich auch nicht erst in fünf Jahren.

Bereits seit ein paar Jahren drängt Adobe die Nutzer ihrer Software-Lösungen mit sanfter Gewalt in die Cloud. Und dabei sind es nicht nur die großmundigen Versprechungen der Vertriebs- und Marketingleute. Der Druck auf die Kreativen der Welt wird immer grösser. Zwar behauptet Adobe, man würde lediglich dem “Wunsch der vielen User” nachgehen, doch so richtig gewünscht haben sich das die meisten wohl nicht. Sie werden mehr oder minder trickreich dazu gedrängt. Recht simpel war da noch die Methode, dass das nicht cloudbasierte Lightroom wesentlich schwerer auf der Adobe-Webseite zu finden war als die Lightroom CC Variante. Im Laufe der Zeit kamen da eine ganze Reihe Tricks zum Zug. Ganz neu ist übrigens der (bereits wieder abgestellte) Trick, das der Adobe Download Manager, eine kleine Software zur Aktualisierung von Adobe Anwendungen, eine bestehende Lightroom-Version ungefragt löscht.

Sicherlich einer der problematischsten Aspekte ist die Verwendbarkeit der Daten nach Beendigung eines Cloud-Abos. Früher war die Sache einfach: Software gekauft und solange genutzt wie man wollte (oder man sich eine neue Kamerageneration zulegte). Heute dagegen kann man die Software nur noch im Abo nutzen, d.h. die Bearbeitung von Content ist natürlich nur so lange möglich, wie man die Software abonniert.

Die Abhängigkeit wird umso größer, je mehr man natürlich auch noch die Bilddaten auf die Server von Adobe laden muss. Ein Umstieg wird mit jedem Gigabyte hochgeladener Daten immer schwieriger, dessen muss man sich bewusst sein. Ganz davon zu schweigen, was mit den Daten passiert, sollte es Adobe irgendwann nicht mehr geben. Oder wie man an die Daten kommt, wenn das dicke Kabel zu den Adobe-Servern aus irgendwelchen Gründen nicht mehr funktioniert. Wird selbstverständlich nie passieren. Sagt Adobe.

Andere Mütter haben auch hübsche Töchter

Die große Enttäuschung über all diese Tricks und losen Versprechungen sprachen sich natürlich auch außerhalb der Adobe-Welt herum. Auch wenn es länger danach aussah, dass es keine echten Alternativen zu Adobe Lightroom oder Premiere oder InDesign gäbe: die Rettung naht!

Je mehr Kopfschmerzen Adobe bei vielen Usern verursachte, desto mehr kleinere Firmen fühlten sich ermuntert neue Lösungen und Angebote zu entwickeln. Und darüber kann man nur froh sein, denn echte Alternativen sind  gut für den Markt, gut für die User und vielleicht letztlich auch für Adobe selber.

Im zweiten Teil werde ich mich aufmachen, einige der Alternativen zu präsentieren, ihre Vor- und Nachteile zu erläutern und vielleicht sogar schon ein paar persönliche Entscheidungen zu treffen, welche der Lösungen ihren Weg auf meinen Rechner finden werden. Mindestens einen Blick werde ich dabei unter anderem auf Affinity Photo, Affinity Design, Capture One, Blackmagic DaVinci, Magix Video Pro X und das brandneue DxO Photolab werfen.

Auf die Ergebnisse bin ich schon selber gespannt (Teil 2 ab Mitte November 2017 hier im Blog)!