Im zweiten Teil der Ein-Euro-Produktfoto-Reihe lesen Sie, wie man die Bewegung, die “Action” ins Bild bekommt. Was man macht, wenn es nicht auf Anhieb läuft wie geplant, und wie man seine Bildidee in die Wirklichkeit bringt.

Als ich im Ein-Euro-Shop war, habe ich natürlich noch etwas anderes mitgenommen. Einen Ein-Euro-Ventilator. Solche Objekte muss man natürlich in Bewegung zeigen. Das ist nun wirklich keine schwierige Aufgabe, möchte man meinen. Batterien einlegen, das Gerät einschalten, und es dreht sich der Propeller. Bei dem Preis war ich mir ehrlich gesagt gar nicht so sicher, aber das hat funktioniert.

Das Lichtsetup vom vorhergehenden Shooting habe ich beibehalten. Der blaue Hintergrund passt hier auch gut zu dem gelben Ventilator. Es wird einfach etwas länger belichtet, der Propeller wird angeblitzt und damit leicht unscharf.

Soweit die Theorie…

Unschärfe – ein Symbol für Bewegung

Im letzten Artikel habe ich einiges über Unschärfe geschrieben. Einen Aspekt habe ich dabei überhaupt nicht erwähnt. Die Bewegungsunschärfe.

Wählt man die Belichtungszeit lang genug, und benutzt ein Stativ, wird das bewegte Objekt verwischt abgebildet. Wenn sich das Objekt während der Belichtungszeit um zehn oder zwanzig Prozent bewegt verwischt es. Das Stativ sorgt dafür, dass alles andere während dieser Zeit schön ruhig an Ort und Stelle bleibt und nicht verwischt. Unschärfe wird dann zum Symbol für Bewegung. Es kommt natürlich darauf an, wie schnell sich etwas bewegt, und wie lange man die Belichtungszeit wählt.

Bewegt sich etwas schnell, wie der Propeller zum Beispiel, darf man nicht zu lange belichten, sonst verwischt er zu sehr, so dass er fast verschwindet.

 

Wenn es nicht nach Plan funktioniert

Und genau das war auch die Schwierigkeit bei diesem Foto. Die Propeller sind so schnell, dass man relativ kurz belichten muss.

Tagsüber in einem Innenraum ist es nicht hell genug, um bei dieser kurzen Zeit genug Tagesicht auf den Sensor zu bringen. Das ganze musste außerdem noch mit den Blitzlichtern und der Blitz-Synchronzeit zusammenpassen. Das Blitzlicht sorgt ja für meinen blauen Hintergrund.

Gut, man hätte hier natürlich mit Dauerlicht arbeiten können – Ein kurzer Anruf bei ARRI-Rental um einige HMIs samt passendem Supersilent-Generator-Truck anzumieten, das hätte technisch gesehen sicher funktioniert. Aber Ich wollte den Ventilator ja nicht einschmelzen. Außerdem  störte mich etwas Anderes. Der Propeller war zwar unscharf, aber dass er sich drehte, das kam nicht überzeugend rüber.

Hier musste es eine einfachere Lösung geben. Mit einem Spiegel von außen Sonnenlicht einfangen, wie die Schildbürger, die vergessen hatten Fenster in ihr Rathaus einzubauen? Ja, geht bestimmt auch, ist aber immer noch zu kompliziert. Das Zeitfenster bei der aktuellen Bewölkung passte auch nicht zu 100 Prozent. Zeitfenster? Moment mal: “Zeitfenster“. Klingelts? Die gute alte Doppelbelichtung!

Das war die Lösung!

 

Lass den Zufall für dich arbeiten

Man muss nur ein paar Mal mehr auslösen, bis die Propellerflügel da stehen, wo es gut aussieht. Im Digitalzeitalter ist das ja kein Problem.

Der Zufall arbeitet in diesem Fall für mich. Da wo die Flügel sich überschneiden entsteht so etwas wie Transparenz. Auch ein Symbol für Bewegung. Der Schaft soll stillstehen. Nur der Propeller soll die Position zwischen den Belichtungen ändern. Aber woher kommt jetzt diese doppelte Kontur? Bei jedem Bild ist es mal mehr, mal weniger sichtbar.

Diese doppelte Umrisslinie. Was ist das?

Auf den ersten Blick erkennt man es nicht gleich. Aber das elektronische Bauteil ist doppelt vorhanden und der Rand des gelben Gehäuses wurde auch zweimal aufgenommen. Die zweite Belichtung ist deutlich nach unten verrutscht. Obwohl das Stativ richtig fest steht. Das gibt’s doch nicht. Also nicht rumhampeln zwischen den Belichtungen, Ventilator besser festkleben, Spiegelvorauslösung aktivieren, Fernauslöser anstöpseln. Alles ist fest, nichts bewegt sich, außer dem Propeller. Woran liegt es nur?

 

 

Die Tücke des Objektivs

Schließlich dämmerte es mir. Ich hatte vergessen den Bildstabilisator auszuschalten!

Die bewegliche Linse des Stabilisators bleibt nach jeder Auslösung an einer anderen Stelle stehen und verschiebt somit das Bild. Wenn man das bei einer normalen Belichtung vergisst, verliert man etwas Schärfe. Hier bei der Doppelbelichtung erhält man zwei versetzte Aufnahmen. Das war die Ursache. Ja, ich weiß, man soll diese Funktion immer deaktivieren, wenn ein Stativ benutzt wird. Vor allem soll man aber dran denken…

 

 

Symbol für Schnelligkeit

 

Jetzt musste ich nur noch genug Mehrfachbelichtungen machen, bis der Zufall den Propeller an der gewünschten Stelle erwischte.

Anfangs versuchte ich es mit einer dreifachen Belichtung. Schließlich entschied ich mich aber für eine Doppelbelichtung, wo der zweite Propeller nur wenige Grad verdreht gegenüber dem ersten abgebildet wird.

Vielleicht erzeugt diese Technik sogar einen überzeugenderen Eindruck der Bewegung, als die Bewegungsunschärfe. Der Propeller ist besser erkennbar, als wenn er mit Bewegungsunschärfe dargestellt wäre. Er ist gleichzeitig an verschiedenen Orten – ein Symbol für Bewegung und Schnelligkeit.

 

 

 

Sie sehen, beim Thema Verwirklichung von Bildideen lassen wie uns immer etwas einfallen.

 

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